18.45 Uhr Konzerteinführung im Saal Bodensee
19.30 Uhr Großer Saal
Das gesamte Jahresprogramm 2026/2027 können Sie hier digital ansehen.
Robert Schumann (1810 – 1856)
Fantasie in C-Dur, op. 17
Durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen –
Im Legendenton – Tempo primo mäßig.
Durchaus energisch – Etwas langsamer – viel bewegter Langsam getragen.
Durchweg leise zu halten – etwas bewegter.
Johannes Brahms (1833 – 1897)
Rhapsodie in g-Moll, op. 79 Nr. 2
Intermezzo in Es-Dur, op. 117 Nr. 1
Intermezzo in b-Moll, op. 117 Nr. 2
Intermezzo in A-Dur, op. 118 Nr. 2
Frédéric Chopin (1810 – 1849)
Scherzo Nr. 2 in b-Moll, op. 31
Sofia Gubaidulina (1931 – 2025)
„Lied des Fischers“ aus „Musical Toys“
Sergej Prokofjew (1891 – 1953)
Sonate Nr. 7 in B-Dur, op. 83
Allegro inquieto
Andante caloroso
Precipitato
Gestaltung Bühnenbild: Lorenz Helfer
Robert Schumann
Fantasie in C-Dur, op. 17
Viel Persönliches kommt in einem der größten Klavierwerke Schumanns zusammen, sowohl aus der Liebesgeschichte zur jungen Clara Wieck als auch aus der Verehrung für den großen Komponistenkollegen Beethoven: Dieser ist in Zitaten aus dem Liederzyklus An die ferne Geliebte enthalten, die Schumann in die leidenschaftlichen Aufschwünge des ersten Satzes und des Finales einflicht und die sich mit Schumanns ureigener Handschrift verbinden. Die „ferne Geliebte“ ist natürlich Clara Wieck: Im Jahre 1836, als Schumann mit der Komposition begann, hatte er die geliebte Clara in der ständigen Auseinandersetzung mit ihrem Vater Friedrich Wieck verloren geglaubt; die Verzweiflung spiegelt sich nach seinen eigenen Worten darin wider: „Der erste Satz davon ist wohl mein Passioniertestes, was ich je gemacht – eine tiefe Klage um dich.“ Die schwärmerische Melodie „Nimm sie hin denn, diese Lieder“ aus dem Beethoven-Zyklus erscheint in den letzten Takten des ersten Satzes am klarsten, bis dahin aber wird sie kunstvoll vorbereitet, versteckt und verflochten mit der Fülle der Schumann’schen Ideen. Als Motto über diese Komposition hatte Schumann eine Strophe von Friedrich Schlegel gesetzt: „Durch alle Töne tönet im bunten Erdentraum ein leiser Ton gezogen für den, der heimlich lauschet.“
Zugleich – weil bei Schumann immer vielschichtige Gedanken und Deutungen zusammenfließen – spiegelt sich in der ganzen Fantasie die Doppelgesichtigkeit Schumanns, der sich in seinen Schriften und Kompositionen gern hinter „Florestan, dem Wilden“ und „Eusebius, dem Milden“ verbarg. Vorwärtsdrängend leidenschaftlich tritt der eine auf, lyrisch und schmerzlich gestimmt gibt sich der andere. Im zweiten Satz, einem kräftig auftrumpfenden Marsch, hören wir die Verwandtschaft mit den Davidsbündlertänzen; der dritte Satz ist ein wunderbar ruhig schwingendes Liebeslied, das sich groß aufschwingt und still verklingt.
Johannes Brahms
Rhapsodie in g-Moll, op. 79 Nr. 2
Johannes Brahms, selbst ein ausgezeichneter Pianist, schuf nach den ersten drei Klaviersonaten und neben den großen Variationszyklen bevorzugt kleinere lyrische Formen: Es sind Charakterstücke, die weniger durch Formenstrenge als durch die Darstellung charakteristischer Stimmungen überzeugen. Die Stücke, oft aus verschiedenen Entstehungszeiten, wurden zu Werkgruppen zusammengestellt und unter gemeinsamen Opuszahlen veröffentlicht.
Die beiden Rhapsodien op. 79 entstanden im Sommer des Jahres 1879 während eines Aufenthalts in Pörtschach am Wörthersee. In ihrem leidenschaftlichen Tonfall knüpfen sie an Schumanns C-Dur-Fantasie an, und auch Clara Schumann, die nach dem Tod Roberts eng mit Brahms verbunden blieb und viele seiner Werke im Konzert spielte, ist hier präsent: Denn Brahms berichtet ihr, als sie von einer Kur zurückkam, mit dem für ihn üblichen Understatement von zwei Stücken, „an denen Du Dich recht austoben kannst und auch erproben, ob denn die Kur auch genützt hat“. Die Opera 116 bis 119 sind dann das Ergebnis einer systematischen Sichtung, Sammlung und Ordnung, die Brahms gegen Ende seines Lebens in den Jahren 1892/93 an seinen einzelnen Klavierstücken vornahm. Die Stücke sind zum überwiegenden Teil in früheren Jahren entstanden oder wurden umgearbeitet. Leidenschaftliche Aufschwünge und die Innigkeit einer liedhaft lyrischen Stimmung, kontrastreiche Anlage, Elegie und wogender Sturm, klangvolles Temperament und lediglich andeutende, verschleierte Melancholie kennzeichnen die Stücke.
Die Intermezzi op. 117 bezeichnete der Komponist auch als „Wiegenlieder meiner Schmerzen“: In ihnen fällt die lyrisch melancholische Grundhaltung auf. Dem ersten Stück mit dem emphatisch aufsteigenden Quartintervall und der wieder zurücksinkenden Linie unterlegte Brahms die Zeilen „Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön, mich dauert’s sehr, dich weinen seh’n“ aus Herders Sammlung Stimmen der Völker. Im zweiten Stück wird die Melodiestimme getragen von raschen Figurationen oder, wie im Mittelteil, von arpeggierten Akkorden.
Frédéric Chopin
Scherzo in b-Moll, op. 31
Frédéric Chopin, das Wunderkind mit dem französischen Vater und der polnischen Mutter, verließ seine Heimatstadt Warschau mit 20 Jahren, kehrte von einer Konzertreise wegen der russischen Invasion in Polen nicht mehr zurück und lebte fortan im Pariser Exil. In allen Briefen und Zeitzeugnissen seiner Freunde oder seiner Lebensgefährtin George Sand tritt er uns als überaus zartbesaiteter, sensibler junger Mann entgegen, der öffentliche Auftritte vor großem Publikum scheute
und dafür in den intimen Salons der Pariser Damen gefeiert wurde.
Man bewunderte die Zartheit und Farbigkeit seines Anschlags, die er wie Franz Liszt mit stupender Virtuosität verband, ohne vorrangig als „Tastenlöwe“ blenden zu wollen. Robert Schumann, der die von ihm bewunderten Zeitgenossen gerne in seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“ pries, stellte ihn mit den Worten „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“ vor. An anderer Stelle schreibt er über dessen Spiel: „Denke man sich, eine Äolsharfe hätte alle Tonleitern und es würfe diese die Hand eines Künstlers in allerhand phantastischen Verzierungen durcheinander, doch so, dass immer ein tieferer Grundton und eine weich fortsingende höhere Stimme hörbar – und man hat ungefähr ein Bild seines Spiels.“
Bei aller Kränklichkeit drängte es Chopin unaufhaltsam zum Komponieren: Romantisches Lebensgefühl spiegelt sich in den poetischen Miniaturen der Préludes, der Walzer und Nocturnes; in den Etüden verband er höchste technische Schwierigkeiten mit ausdrucksvoller Kantabilität, in den Mazurken und Polonaisen belebte er sein polnisches Erbe in tänzerischen Rhythmen und Impulsen. Das Scherzo, herausgelöst aus der Sonate oder der Symphonie, machte Chopin zu einer eigenen Gattung. „Hier spricht die Leidenschaft in allen ihren Formen, inmitten eines Werks, das doch sonst so ganz in romantischem Geist die Verhaltenheit zum ethischen Postulat erhebt. Nirgends ist Chopin männlicher, kraftgeladener.“ (C. Bourniquel)
Das b-Moll-Scherzo op. 31 setzt mit seinem zweimaligen Grollen in der Tiefe und dem markanten Sprung über zwei Oktaven ein besonders eindrückliches und mächtiges Anfangssignal. In den sanfteren Zwischenteilen, den perlenden Figuren der Oberstimme und dem Schwung der linken Hand begeistert es jedoch ebenso. Und wenn das Anfangsmotiv wieder aufgenommen wird, erleben wir durch Harmoniewechsel, Beschleunigung und gleißende Tonkaskaden eine atemberaubende Steigerung, die die Pianistin – übrigens auch sie eine Wahl-Pariserin – in all ihrem Farbenreichtum meistern wird.
Sofia Gubaidulina
„Lied des Fischers“ aus Musical Toys
Bevor Khatia Buniatishvili mit Prokofjews siebter Sonate noch einmal alle Kräfte bündelt, zeichnet sie mit dem „Lied des Fischers“ von Sofia Gubaidulina ein ganz anderes Bild. Die russische Komponistin aus der tatarischen Republik, die im März 2025 in ihrer deutschen Wahlheimat in der Nähe von Hamburg gestorben ist, ist für die spirituelle Tiefe ihrer Kompositionen – seien sie geistlich oder weltlich – bekannt.
Selbst in diesem kurzen Klavierstück sind Atem und Stille von größter Bedeutung. Sie sagte einmal: „Die Welt klingt zu laut, zu aggressiv. Aber die Stille ist der Raum, aus dem alles wächst. Das bedeutet nicht, dass nichts klingt. Es ist vielmehr die klingende Sehnsucht nach Stille.“
Das „Lied des Fischers“ entstammt einer Sammlung von 14 kurzen Stücken, Musikalisches Spielzeug, aus dem Jahr 1969. „Ich habe oft an meine Kindheit und an den damaligen Mangel an Klavierstücken, welche einen in die fantasievolle Welt der Spielzeuge zurückversetzen konnten, gedacht. Damals betrachtete auch ich die Spielzeuge als ein Material, dem man Klänge entlocken konnte; sie waren Bestandteil der Welt meiner musikalischen Empfindungen. Mit dieser Sammlung habe ich meiner Kindheit einen späten Tribut entrichtet.“
In einem Filmporträt berichtet Sofia Gubaidulina, dass sie die Welt des Klavierklangs spielerisch im Ausprobieren der Saiten, der Tasten und des Resonanzbodens entdeckt habe – ein Echo davon schwingt in den Kinderstücken mit, die keineswegs einfach zu spielen sind, sondern vielmehr hohe Anschlagskultur erfordern. Im „Lied des Fischers“ meint man die Weite und das stille Plätschern auf einem ruhig liegenden See zu hören; ein kurzes Motiv kehrt immer wieder leicht verändert zurück.
Sergej Prokofjew
Sonate Nr. 7 in B-Dur, op. 83
Wie die anderen Komponisten in diesem Programm war auch Sergej Prokofjew ein hervorragender Pianist, der auf Konzertreisen seine eigenen Werke präsentierte und sein Publikum mit unablässigem Rhythmus und stählernen Akkorden verstörte.
Die siebte Sonate ist aber auch Ausdruck ihrer Entstehungszeit, als Prokofjew in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs drei sogenannte Kriegssonaten schuf. Die Uraufführung fand im Januar 1943 durch Swjatoslaw Richter in Moskau statt, der meinte, die Musik habe wiedergegeben, was damals alle erfüllte.
Mit „Allegro inquieto“ ist der Kopfsatz überschrieben; er wird getrieben von unruhiger, hochschießender Motorik. Da wirkt der melancholische Seitengedanke wie aus einer anderen Welt. Der sowjetische Musikwissenschaftler I. Nestjew hört darin die „Empfindung eines entrückten Dahindämmerns …, eine unklare Erinnerung, die vorübergehend die schreckliche Wahrheit des Daseins zurückdr.ngt.“ Das „Andante caloroso“ („warm“) erzählt von friedlichen Visionen vergangener Hoffnungen. Damit ist es schlagartig vorbei, wenn der ungestüme 7/8-Takt des „Precipitato“ („überstürzt“) in heftigen Akkordwiederholungen in der ungewöhnlichen Betonung 2–3–2 über uns hereinbricht.
Die Parteibehörden sahen in diesem Satz die „unermesslichen Heldenkräfte des sowjetischen Volks“ und zeichneten den Komponisten mit dem Stalinpreis II. Klasse aus. Heute lässt uns die ungeheure Wucht und Sprengkraft des Stücks atemlos zurück.
Sergej Prokofjew starb zehn Jahre nach der Uraufführung der Sonate am 5. März 1953 – am selben Tag wie Josef Stalin.

