Programm

Herzlich willkommen!

Die Bregenzer Meisterkonzerte werden seit über 25 Jahren von großartigen Dirigent:innen, Solist:innen und Orchestern getragen – künstlerische Vielfalt, mitreißende Virtuosität, monumentale Klangerlebnisse, lebendig und authentisch. Historische Werke, neue Interpretationen und die Einbindung zeitgenössischer Kompositionen bilden die hohe Qualität der Bregenzer Meisterkonzerte ab.

Den Auftakt zur Saison 2021/2022 gestaltet das italienische Ensemble „Europa Galante“ unter der Leitung von Fabio Biondi mit Werken des großen Violinvirtuosen Antonio Vivaldi, interpretiert nach den Vorgaben der historischen Aufführungspraxis und mit viel Italianità.

Philippe Herreweghe dirigiert mit seinem „Orchestre des Champs-Élysées“ und dem „Collegium Vocale Gent“ eine der großartigsten Sinfonien Mozarts, seine Nr. 40 in g-Moll und die wunderbare, unvollendete Große Messe in c-Moll des Salzburger Meisters. Die berufene Interpretin der zentralen Sopranarie in der Messe wird die schweizerische Starsängerin Regula Mühlemann sein.

Für ihr traditionelles Gastspiel im Jänner haben die Wiener Symphoniker unter ihrem neuen Chef Andrés Orozco-Estrada die zauberhafte Symphonia concertante für Violine, Violoncello, Oboe und Fagott im Gepäck, dazu Erich Wolfgang Korngolds Suite „Märchenbilder“ und die berühmten „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski.

Zum ersten Mal dürfen wir Igor Levit als Interpreten der „Passacaglia on DSCH“ begrüßen, den wohl wichtigsten Pianisten der jüngeren Generation, der ein 85-minütiges Klavierwerk von immensen spieltechnischen Anforderungen darbieten wird, geschrieben vom schottischen Komponisten und Pianisten Ronald Stevenson in Verehrung für Dmitri Schostakowitsch.

Dessen Violinkonzert folgt im nächsten Abokonzert, gespielt von der prominenten Geigerin Julia Fischer zusammen mit dem Radio Sinfonieorchester Berlin unter Vladimir Jurowski. Weiters im Programm ist ein „Andante“ von Sergej Prokofjew sowie die „Sinfonischen
Tänze“ Opus 45 von Sergej Rachmaninoff.

Den Abschluss der Saison gestalten die Nürnberger Symphoniker unter Ari Rasilainen der eine Tondichtung seines Landsmannes Jean Sibelius mitbringt, dazu die „Rokoko-Variationen“ und ein „Andante cantabile“ von Tschaikowski und die „Dritte Symphonie“ des Schweden Kurt Atterberg im spätromantischen Stil.

Musik bricht unseren Alltag auf. Musik schenkt uns Leichtigkeit und Freiheit. 

Wir wünschen Ihnen unvergessliche Momente bei den Bregenzer Meisterkonzerten!

Michael Ritsch, MBA
Bürgermeister

Mag. Michael Rauth
Stadtrat für Kultur

25. November 2021

Orchestre des Champs-Élysées
Collegium Vocale Gent
Philippe Herreweghe – Leitung
Regula Mühlemann – Sopran
Sophie Harmsen – Mezzosopran
David Fischer – Tenor
Krešimir Stražanac – Bass

Konzerteinführung mit Bettina Barnay um 18.45 Uhr im Saal Bodensee
Konzertbeginn um 19.30 Uhr im Großen Saal

Das gesamte Jahresprogramm 2021/2022 können Sie hier digital ansehen.

 

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Sinfonie Nr. 40 in g-Moll KV 550

Molto allegro
Andante
Menuetto: Allegretto
Allegro assai

Große c-Moll Messe, KV 427

Kyrie (Chor)
Gloria in excelsis (Chor)
Laudamus te (Sopran II)
Gratias (Chor)
Domine (Duett Sopran I und II)
Qui tollis (Chor)
Quoniam (Terzett Sopran I, II und Tenor)
Jesu Christe/ Cum sancto spiritu (Chor)
Credo (Fragment)
Et incarnatus est (Sopran I)
Sanctus (Chor)
Benedictus (Chor und Soli)
Agnus Dei (unvollendet)

 

Es gibt wohl keinen Komponisten der europäischen Musikgeschichte, der Menschen mehr erstaunt hat als Wolfgang Amadé Mozart. Vor allem seine Laufbahn als Wunderkind fasziniert ebenso, wie sie kritisch hinterfragt wird. Die Werke des heutigen Konzertes, die Sinfonie in g-Moll wie auch die Große Messe in c-Moll, sind jedoch im Erwachsenenalter entstanden, und zwar in Wien. Dorthin war Mozart im Jahr 1781 gegangen, um in der Kaiserstadt als freischaffender Musiker sein Glück zu suchen. In der damaligen Zeit, wo Musiker fast nur im Dienst vom Hof, vom Adel oder von der Kirche leben konnten, ein Wagnis. Die ersten Jahre hatte Mozart großen Erfolg in Wien, vor allem feierte mit der Aufführung seiner eigenen Klavierkonzerte Triumphe. Doch in den späteren Wiener Jahren war der Familie Mozart das Glück nicht mehr so hold wie zuerst. Genau in dieser Zeit schreibt Mozart seine drei großartigsten Sinfonien. Denn obwohl die mittlere der Trias, die Sinfonie in g-Moll, tatsächlich eine belastete Stimmung wiedergibt, vermitteln die beiden anderen Sinfonien, nämlich die in Es-Dur KV 543 und die in C-Dur KV 551, die Jupiter-Sinfonie genannt wird, eine positiv-strahlende Atmosphäre. Für die Komposition dieser drei Sinfonien, die seine bisher komponierten an Bedeutung weit übertreffen, gibt es keinen äußeren Anlass und keinen Auftrag.

In Hinblick auf die Werke des heutigen Programmes darf eine Tatsache nicht unerwähnt bleiben, nämlich der Einfluss der Musik von Johann Sebastian Bach auf Mozart. Für uns Heutige ist es kaum mehr nachvollziehbar, dass Bachs Oeuvre zur Zeit Mozarts so gut wie unbekannt war. Mozart lernte Bach ab 1782 durch den Diplomaten und Musiker Gottfried an Swieten kennen, was sein Schaffen von da an geprägt hat. So wären die Chöre der Großen Messe in c-Moll ohne die Kenntnis von Bachs Musik undenkbar.

Er habe „in seinem Herzen versprochen, wenn er sie als seine Frau nach Salzburg brächte, dort eine neukomponierte Messe zur Aufführung zu bringen.“ So schrieb Mozart, der sich im August 1782 mit Constanze Weber verheiratete. Es war eine echte Liebesbeziehung, doch Vater Leopold war gegen die Verbindung. Nun, im Herbst 1783, reisten Wolfgang Amadé und Konstanze Mozart nach Salzburg, um die Frau mit dem Vater persönlich bekannt zu machen. Im Gepäck hatten die beiden die unvollendete Partitur der Messe in c-Moll und gedachten sie in der Kirche der Erzabteil Sankt Peter zur Aufführung zu bringen. Ob es zu einer solchen gekommen ist, wissen wir nicht. Jedoch veranstalten die Salzburger Festspiele in jedem Jahr eine Aufführung der c-Moll-Messe in Sankt Peter in prominenter Besetzung.

Herzstück der Komposition ist die Sopranarie Et incarnatus est, und diese sollte Constanze Mozart bei der Aufführung in Salzburg singen. Nach dieser Arie, dieser musikalisch ungemein frei schweifenden Liebeserklärung an seine Frau also, schien Mozart die Messe nicht mehr groß interessiert zu haben. Der Rest des Credo fehlt, Sanctus und Benedictus liegen nur in wenigen Stimmen vor und wurden immer wieder von Bearbeitern vervollständigt, sodass sie bei Aufführungen normalerweise erklingen. Das Agnus Dei fehlt gänzlich.

So ist uns mit der Großen Messe in c-Moll ein monumentaler Torso überliefert, der höchst vielschichtig ist. Barocke Wucht in Stile Händels bei den Chören und der Arie des Sopran II, große musikalische Freiheit der Arie des Sopran I, und vielleicht verborgen in alledem Mozarts ureigenste Konflikte und Sehnsüchte.

Text: Prof. Anna Mika

21. Januar 2022

Wiener Symphoniker
Andrés Orozco-Estrada – Leitung
Anton Sorokow – Violine
Christoph Stradner – Violoncello
Paul Kaiser – Oboe
Patrick de Ritis – Fagott

Konzerteinführung mit Bettina Barnay um 18.45 Uhr im Saal Bodensee
Konzertbeginn um 19.30 Uhr im Großen Saal

Das gesamte Jahresprogramm 2021/2022 können Sie hier digital ansehen.

 

Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957)
Märchenbilder op. 3

Die verzauberte Prinzessin (Gemäßigt)
Rübezahl (Immer leicht und rasch, doch nicht zu schnell)
Wichtelmännlein (Rasch dahinhuschend, aber deutlich)
Ball beim Märchenkönig (Anschmiegsames Walzerzeitmaß)
Das tapfere Schneiderlein (Andantino amabile)
Das Märchen spricht den Epilog (Getragen, doch nicht zu langsam)

Joseph Haydn (1732 – 1809)
Sinfonia Concertante für Violine, Violoncello, Oboe,
Fagott und Orchester, B-Dur Hob.I: 105

Allegro
Andante
Allegro con spirito

Modest Mussorgski (1839 – 1881)
Bilder einer Ausstellung
Instrumentation von Maurice Ravel

Promenade
Gnomus
Promenade
Das alte Schloss
Promenade
Tuilerien
Bydlo
Promenade
Ballett der Küken in ihren Eierschalen
Samuel Goldenberg und Schmuyle
Der Markt von Limoges
Catacombae. Sepulchrum Romanum
Cum mortuis in lingua mortua
Die Hütte der Baba Yaga
Das große Tor von Kiew

 

Zwei „Bilderzyklen“ umrahmen eine klassische Symphonie, die zugleich ein Konzertstück für vier Solisten ist. Der junge Erich Wolfgang Korngold ließ sich von Märchen inspirieren, Modest Mussorgski von Bildern seines verstorbenen Freundes. In Joseph Haydns „Sinfonia concertante“ schließlich ergibt sich für Konzertmeister und Stimmführer der Wiener Symphoniker die Gelegenheit, auf besondere Weise mit ihren Kolleginnen und Kollegen zu kommunizieren.

Erich Wolfgang Korngold, Märchenbilder op. 3

Musikalisches Wunderkind, Opernkomponist, preisgekrönter Filmmusikkomponist in Hollywood, nach dem Krieg mit der Rückkehr zur absoluten Musik aus der Zeit gefallen, bei seinem Tod im Alter von 60 Jahren fast vergessen: Erich Wolfgang Korngold, der 1897 in Brünn geborene Komponist, hatte ein reiches Leben. Heute erleben seine Oper „Die tote Stadt“ und das Violinkonzert eine Art Renaissance. Mit den „Märchenbildern“ op. 3 stellen die Wiener Symphoniker ein Werk des 14-jährigen Wunderkinds vor. Korngold komponierte es im Jahr 1911 zunächst als Klavierstücke. In der Instrumentation für großes Orchester mit einer großen Bläsergruppe und reichhaltigem Schlagwerk werden die Charaktere und Stimmungen der einzelnen Märchen sehr farbig und bildhaft herausgearbeitet.

Joseph Haydn, Sinfonia concertante für Violine, Violoncello, Oboe, Fagott und Orchester, B-Dur Hob.I: 105

Nach seinem Weggang vom ungarischen Fürstenhof Esterháza reiste Joseph Haydn zu Beginn der 1790er Jahre auf Einladung des Geigers und Musikverlegers Johann Peter Salomon mehrmals nach London und prägte das dortige Musikleben maßgeblich mit. Kammermusik, die 12 Londoner Symphonien und Vokalmusik entstanden in dieser Zeit. Auch die Sinfonia concertante mit der außergewöhnlichen Besetzung für vier Soloinstrumente und Orchester entstand im Jahr 1792 in London. Haydn gelingt es mit diesem Werk, die Formen des älteren Concerto grosso, des modernen Instrumentalkonzerts und der Symphonie miteinander zu verschmelzen. Das anspruchsvolle Violinsolo ist zugleich eine Reverenz vor dem Freund und Auftraggeber Salomon.

Modest Mussorgski, Bilder einer Ausstellung in der Instrumentation von Maurice Ravel

In den späten 1850er Jahren taten sich in Russland fünf Musiker zu einer Gruppe mit dem Namen „Das Mächtige Häuflein“ zusammen: Die uns heute wohl bekanntesten Mitglieder waren Modest Mussorgski und Alexander Borodin. Sie wollten eine nationale russische Schule entwickeln und wandten sich gegen die akademische, westlich ausgerichtete Kompositionslehre, wie sie etwa Peter Tschaikowski vertrat.
Zum engen Kreis der Künstlergruppe und zu den Freunden Mussorgskis gehörten auch der Kunstkritiker Vladimir Stassov und der Maler und Architekt Viktor Hartmann, beide sind eng mit Mussorgskis musikalischem Bilderzyklus verbunden: Erst 39jährig, war Viktor Hartmann am 23.7.1873 einem Herzanfall erlegen. Zu Ehren des Freundes richtete Vladimir Stassov im Frühjahr des folgenden Jahres eine Gedenkausstellung mit ca. 400 Werken ein. Tief bewegt von der Ausstellung komponierte Mussorgski in den Sommermonaten des Jahres 1874 seine Klavier-Suite „Bilder einer Ausstellung“ und vollendete sie genau ein Jahr nach dem Tod des Malerfreundes. Der Zyklus mit den eindrucksvoll tönenden Bildern von einem alten Schloss, einem Ochsenkarren, der wilden Hexe Baba Yaga oder dem großen Tor von Kiew gehört sicher zu den bekanntesten Werken der Musikgeschichte. Im Jahr 1922 schuf der französische Komponist Maurice Ravel seine kongeniale Instrumentation, die den musikalischen Bilderzyklus noch bekannter gemacht hat.

Text: Katharina von Glasenapp, M. A.

19. März 2022

Igor Levit – Klavier

Konzerteinführung mit Bettina Barnay um 18.45 Uhr im Saal Bodensee
Konzertbeginn um 19.30 Uhr im Großen Saal

Das gesamte Jahresprogramm 2021/2022 können Sie hier digital ansehen.

 

Ronald Stevenson (1928 – 2015)
Passacaglia on DSCH

Pars prima
Sonata allegro
Waltz in rondo-form
Episode
Suite (Prelude, Sarabande, Jig, Sarabande, Minuet, Jig, Gavotte, Polonaise)
Pibroch (Lament for the Children)
Episode: arabesque
Nocturne

Pars altera
Reverie-Fantasie
Fanfare – Forebodings: Alarm – Glimpse of a War-Vision
Variations on „Peace, Bread & the Land” (1917)
Symphonic March
Episode
Fandango
Pedal-point: „To emergent Africa”
Central Episode: études
Variations in C minor

Pars Tertia
Adagio: tribute to Bach
Triple Fugue over ground-bass:
Subj. I: andamento
Subj. II: B A C H
Subj. III: Dies Irae

Final variations on theme derived from ground
(adagissimo barocco)

 

Der Komponist und Pianist Ronald Stevenson (1928-2015) hat mit seiner Passacaglia ein Jahrhundertwerk komponiert, doch international bekannt ist der schottische Künstler deshalb keineswegs. Das 20. Jahrhundert prägte der vielfach tätige Musiker vor allem als Pianist, als Experte für die Musik von Ferruccio Busoni und als „Entdecker“ und Förderer der Werke des australischen Komponisten Percy Grainger. Ein Grund, warum die Kompositionen von Ronald Stevenson nicht weit verbreitet sind, liegt wohl in der Tatsache begründet, dass sein Kompositionsstil schwierig zu fassen ist.

Als sich Ronald Stevenson im Jahr 1962 an die Arbeit der Passacaglia machte, gelang ihm eher unbeabsichtigt sein „Opus Magnum“. Im 85-minütige Klavierwerk erklingen unterschiedliche Genres der Musikgeschichte und vielerlei musikalische Stilrichtungen. Ein wesentliches Qualitätsmerkmal besteht darin, dass Ronald Stevenson mit seiner Passacaglia auch einen gesellschaftspolitischen Anspruch erfüllt.

Mit dem Verweis, dass sein Kollege Dmitri Schostakowitsch sein Leben lang unter den Repressalien der sowjetischen Machthaber gelitten hat und massiv eingeschränkt war, widmete ihm Stevenson das Werk. Die Initialen von Dmitri Schostakowitsch, das sind die Töne D-Es-C-H bilden das musikalische Grundmaterial.

Ronald Stevenson beschrieb seine musikalische Grundidee in Analogie zu einem Menschenleben. „Betrachten Sie das Werk als eine Landkarte in der Musik. Das Terrain: eine Lebensspanne. Der Maßstab: eine Minute entspricht einem Jahr. Die Dauer: achtzig Minuten. Es gibt einen physischen Höhepunkt nach fünfunddreißig Minuten, wie es ihn im Leben mit etwa fünfunddreißig Jahren gibt. Der endgültige Höhepunkt ist psychisch, nicht physisch: psychisch im griechischen Sinne – des Geistes, nicht des Körpers.“

Zunächst werden die Zuhörenden mit Tänzen in die barocke Formenwelt einer Suite geführt. Im zweiten Abschnitt wird Ronald Stevenson, der aus einer Landarbeiterfamilie stammt, politisch. Ein auf einem Kinderlied beruhendes Lamento erinnert an „all die kindlichen Opfer des Nationalsozialismus“. Auf das Apartheitsregime in Südafrika verweist eine perkussiv gestaltete Passage. Mit aufbrausend wüsten Clustern stellt Ronalds Stevenson kriegerische Auseinandersetzungen dar und illustriert diese mit grollend tiefen Pedaltönen sowie teilweise im Korpus gespielten Passagen. Doch dann kehrt mit einem symphonischen Marsch und einem Fantango ein konstruktiver Geist ein. Im dritten Abschnitt der Passacaglia zollt der Komponist Johann Sebastian Bach Tribut, indem er das berühmte B-A-C-H Motiv äußerst kunstvoll in mehreren Fugen verarbeitet und in Beziehung zum Ausgangsmotiv D-Es-C-H stellt.

Tonal changiert die Coda unbestimmt zwischen Dur und Moll und suggeriert damit einen offenen Schluss. Damit überlässt es der Komponist den Zuhörenden, in welcher emotionalen Grundstimmung sie das Werk enden lassen wollen.

Text: Dr. Silvia Thurner

29. März 2022

Rundfunk Sinfonieorchester Berlin
Vladimir Jurowski – Leitung
Julia Fischer – Violine

Konzerteinführung mit Bettina Barnay um 18.45 Uhr im Saal Bodensee
Konzertbeginn um 19.30 Uhr im Großen Saal

Das gesamte Jahresprogramm 2021/2022 können Sie hier digital ansehen.

 

Sergej Prokofjew
Andante aus der Klaviersonate Nr. 4 für
Orchester, op. 29a

Dmitri Schostakowitsch
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1, a-Moll, op. 77

Nocturne
Scherzo
Passacaglia Cadenza
Burlesque

Sergej Rachmaninoff
Symphonische Tänze, op. 45

Non allegro – Lento – Tempo I
Andante con moto
Lento assai – Allegro vivace – Lento assai come prima –
Allegro vivace

 

Sergei Prokofjew (1891-1953) führte ein ruheloses Leben. Als Sohn eines Gutverwalters in der Ukraine geboren, emigrierte er nach Europa, kehrte aber später wieder in die Sowjetunion zurück.

Das Andante wird von zwei musikalischen Charakteren geprägt. Über dunklen Tonrepetitionen erhebt sich ein ernster melodischer Gedanke aus den tiefen Registern. Doch die in die Höhe strebende melodische Linie wird immer wieder in die Tiefe gedrückt. Der zweite thematische Gedanke ist ein lyrisches Thema mit einem schwebenden Charakter. Sodann werden Varianten des ernsten und des lyrischen Themas miteinander kombiniert und in unterschiedliche emotionale Felder geführt.

Dmitri Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1, a-Moll, op. 77

Dmitri Schostakowitsch wurde 1906 in Petersburg geboren, im Jahr 1975 starb er in Moskau. Dazwischen liegt ein reiches kompositorisches Schaffen und ein von schwerwiegenden Repressalien, innerer Emigration und Krankheit gekennzeichnetes Künstlerleben.

Mit dem ersten Violinkonzert schuf Schostakowitsch einen Markstein in der Kompositionsgeschichte. Das Werk beginnt mit einem einsamen Gesang, der sich zu einem melodischen Fluss verdichtet, in dem die Namensinitialen des Komponisten D-Es-C-H in den Vordergrund treten. Schostakowitschs Engagement für die jüdische Volksmusik kommt vor allem in der Passacaglia zum Ausdruck. Mit einer einfachen Liedmelodie setzt die Kadenz ein, die Bewegung wächst und wird brillanter bis sie überbordend kulminiert und direkt in den grotesken Tanz im Finale mündet. Hier zeigt Schostakowitsch wie meisterhaft er es versteht, hinter einer vermeintlich fröhlichen Atmosphäre, Abgründe abzubilden.

Sergej Rachmaninow, Symphonische Tänze, op. 45

Sergej Rachmaninow (1873-1943) hat ein reiches Schaffen mit virtuosen Klavier- und Orchesterwerken hinterlassen. Nach mehreren Stationen in Europa ließ sich der Komponist 1935 in Beverly Hills in Kalifornien nieder.

Die „Symphonischen Tänze“ sind 1940 auf Long Island entstanden und die letzte Komposition Rachmaninows. Den drei Sätzen sind die Untertitel „Mittag“, „Abenddämmerung“ und „Nacht“ zugrunde gelegt.

Sehr außergewöhnlich ist ein Altsaxophon als Soloinstrument eingesetzt. Der Eröffnungstanz wird wie eine Toccata von einer hartnäckigen Motorik getragen und Motive werden zu gegenläufigen Themen zusammengefügt. Helle Fanfaren, auch eine Hirtenweise und das an russische Volkslieder erinnernde Lento des Saxophons bilden musikalische Klanginseln. Im Walzer übernehmen die Blechbläserakkorde eine wichtige dramaturgische Rolle. Bilder der Verzweiflung werden im Lento assai beschwört und das „Dies Irae“ aus dem gregorianischen Choral erklingt. Der Tonfall ändert sich unvermittelt mit dem Einsatz der Röhrenglocken. Aus einer lebhaften Gigue wird ein Triumphgesang herauskristallisiert, der an die russisch-orthodoxe Kirchentradition erinnert.

Text: Dr. Silvia Thurner

30. April 2022

Nürnberger Symphoniker
Ari Rasilainen – Leitung
Raphaela Gromes – Violoncello

Konzerteinführung mit Bettina Barnay um 18.45 Uhr im Saal Bodensee
Konzertbeginn um 19.30 Uhr im Großen Saal

Das gesamte Jahresprogramm 2021/2022 können Sie hier digital ansehen.

 

Jean Sibelius (1865 – 1957)
Pohjolas Tochter, Sinfonische Fantasie op. 49 (1906)

Peter I. Tschaikowski (1840 – 1893)
Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello
und Orchester A-Dur, op. 33

Moderato assai quasi Andante – Tema.
Moderato semplice
Variation I: Tempo del tema
Variation II: Tempo del tema
Variation III: Andante
Variation IV: Allegro vivo
Variation V: Andante grazioso
Variation VI: Allegro moderato
Variation VII: Andante sostenuto
Variation VIII e Coda: Allegro moderato con anima

Peter I. Tschaikowski (1840 – 1893)
Andante cantabile für Violoncello und Streicher
(nach dem Streichquartett op. 11)

Kurt Atterberg, (1887 – 1974)
Symphonie Nr. 3 op. 10 (Västkustbilder)

Soldis (Sonnendunst)
Lento – Un poco più mosso – Molto tranquillo – Un poco più mosso – Lento

Sturm
Con fuoco (non troppo presto, largamente) – Più mosso –
Con fuoco (Tempo I) – ( ) – A tempo I (un poco più vivo) – Più mosso (molto) – Tempo I – Adagio molto tranquillo

Sommernacht
Adagio – Molto vivace – Più mosso – Più mosso sempre –
Tempo I – Tranquillo – Largamente – Lento

 

In den Norden führt uns der finnische Dirigent Ari Rasilainen in diesem Konzert: Mit Sibelius in ein Land der Sagen und Mythen, wo eine Göttin der Lüfte an ihrem Spinnrad goldene Fäden spinnt und einen Helden verführt. Mit Tschaikowsky in die Welt des Rokokos und der prächtig verzierten Petersburger Palais, in denen eine junge Cellistin einen fantasievollen Reigen anführt. Schließlich macht uns Ari Rasilainen mit dem hierzulande wahrscheinlich kaum bekannten schwedischen Komponisten Kurt Atterberg bekannt: Seine dritte Symphonie fängt die Stimmungen am Meer an der Westküste Schwedens ein.

Jean Sibelius, „Pohjolas Tochter“, Sinfonische Fantasie op. 49

Dem finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius gelang es, die Natur, das Licht und die Weite des Nordens in seiner Musik einzufangen, und er ist eng verbunden mit der finnischen Sagenwelt. Immer wieder vertonte er Stoffe aus dem finnischen National-Epos „Kalevala“, das Volksdichtung, Mythologie und Geschichte verbindet. So auch in der glänzend und farbenreich instrumentierten Sinfonischen Fantasie „Pohjolas Tochter“ aus dem Jahr 1906: Beschrieben wird die Reise des alten Barden und Helden Väinämöinen ins düstere Nordland Pohjola. Dieser Name kann allerdings auch für den Gott der Lüfte stehen, dessen wunderschöne Tochter im Himmel mit ihrem Spinnrad goldene Fäden spinnt. Um sie zu gewinnen, muss der Held unmögliche Aufgaben erfüllen. Väinämöinen scheitert, wird von Pohjolas Tochter ausgelacht und kehrt wütend zurück.

Peter Tschaikowsky, Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und Orchester, A-Dur op. 33

Nicht die große romantische Wucht der Sinfonien oder der Klavierkonzerte und des Violinkonzerts begegnet uns hier. Vielmehr lässt Peter I. Tschaikowsky die Zeit des Rokokos wiederaufleben, die auch in anderen seiner Werke aufscheint. Für den Cellisten Jan Vogler sind die Rokoko-Variationen auch eine Verbeugung des Komponisten vor seiner Heimatstadt St. Petersburg.
Wenige Einleitungstakte des Orchesters bereiten den Boden für ein galantes Thema im Geiste Mozarts. Nach Art der klassischen Charaktervariationen bietet sich der Solistin die Gelegenheit, dieses Thema in sieben Variationen immer mehr auszuschmücken, traumtänzerisch, fantasievoll, durchaus virtuos, aber auch melancholisch verschattet. Das „Andante cantabile“ ist ein bezaubernder Einzelsatz, herausgelöst aus dem Streichquartett op. 11.

Kurt Atterberg, Symphonie Nr. 3 „Westküstenbilder“

Kurt Atterberg kam 1887 in Göteborg zur Welt, sein Vater war Ingenieur und Erfinder, ein Großvater ein berühmter Opernsänger. Als 15-Jähriger begann er mit dem Cellospiel und schuf erste Kompositionen. Atterberg absolvierte sein Hauptstudium an der technischen Hochschule und arbeitete bis zu seinem 81. Lebensjahr am Königlichen Patentamt in Stockholm. Dazu wirkte er als Dirigent seiner eigenen Werke in Schweden und im Ausland (etwa mehrfach bei den Berliner Philharmonikern), er gründete und leitete die Vereinigung schwedischer Komponisten und war fast 40 Jahre lang Musikkritiker einer Stockholmer Zeitung.

Die „Bilder der Westküste“, komponiert 1914/16, sind farbige Tongemälde voller Leuchtkraft und Naturstimmungen, der Mittelsatz zeichnet einen dramatisch aufgewühlten Sturm nach. Drei Sommer lang war Atterberg mit seiner Familie auf den Schäreninseln vor der Westküste Schwedens in Ferien gewesen. Die drei Sätze spiegeln eine drückende Dunstglocke, einen Sturm und die besondere Stimmung der nordischen Sommernächte.

Text: Katharina von Glasenapp, M. A. 

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