Programm

Herzlich Willkommen!

Großartige Komponisten, charismatische Dirigenten, einzigartige Solist:innen, sie alle sprechen die eine Sprache, die Sprache der Leidenschaft und Reflexion, eine Sprache, die uns den Blick für das Wesentliche öffnet,das große Ganze erkennen lässt und Leichtigkeit spürbar macht. Was für ein Geschenk!

Den Auftakt bildet das Aurora Orchester unter der temperamentvollen Leitung von Nicholas Collon, Gründer des namhaften Orchesters. Das Programm bietet eine Zusammenführung der Komponisten Thomas Adès und Hector Berlioz mit ihren Werken „Drei Couperin-Studien“ und „Symphonie fantastique“.

Mit seinem „Orchestre des Champs Élysées“ dirigiert Philippe Herreweghe die „Tragische Ouvertüre“ in d-Moll von Johannes Brahms. Antonín Dvoráks Konzert für Violine und Orchester in a-Moll lassen uns tschechische Volksweisen erleben. Die vielbeachtete Violinistin Isabelle Faust begeistert durch Zartheit, Klarheit und eine souveräne Interpretationspraxis.

Für ihr traditionelles Gastspiel Mitte Jänner werden die Wiener Symphoniker unter neuer Leitung die „Erste Symphonie“ in c-Moll und die „Zweite Symphonie“ in D-Dur von Johannes Brahms präsentieren, einer seiner größten Erfolge.

Die vier Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde, dazu wilde Furien, sind das Thema des Konzertes „Le Concert des Nations“ unter der Leitung des Altmeisters der Barockmusik Jordi Savall. Auf historischen Instrumenten gespielt, erleben wir farbenreiche Darbietungen von internationalen Komponisten: Georg Friedrich Händels „Wassermusik“, Christoph Willibald Glucks „Don Juan“, Marin Marais „Alcione, Airs pour les Matelots et les Tritons“ und Jean-Philippe Rameaus „Les Borèades“.

Im April begrüßen wir das Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung des jungen, kreativen Dirigenten Robin Ticciati. Das gewählte Repertoire kann als Plädoyer für Leidenschaft und Liebe interpretiert werden: Beethovens „Konzert für Violine und Orchester“, Widmanns „Liebeslied für 8 Instrumente“, Berlioz’s Liebesszene aus „Romeo und Julia,“ Auszüge aus Beethovens Schauspielmusik zu „Goethes Egmont“. Lisa Batiashvili, eine Violin-Virtuosin, ist die prominente Solistin des Abends.

Hélène Grimaud – ein Gesamtkunstwerk mit ausdrucksstarker Persönlichkeit. Die Künstlerin bringt uns Werke von Brahms, Schumann und Beethoven mit. Ein Klavierrecital der Superlative und damit ein wunderschöner Ausklang dieser Konzertsaison.

Wir versprechen Ihnen sechs sensibel aufeinander abgestimmte Konzerterlebnisse auf höchstem Niveau und freuen uns auf unvergessliche Momente bei den Bregenzer Meisterkonzerten.

Michael Ritsch, MBA
Bürgermeister

Mag. Michael Rauth
Stadtrat für Kultur

29. September 2022

Aurora Orchester
Nicholas Collon, Leitung

Thomas Adès: Drei Couperin-Studien, 2006

I      Les Amusements
II     Les Tours de passe-passe
III    L’Âme-en-peine

Hector Berlioz: Symphonie Fantastique, op. 14, H 48
Episode aus dem Leben eines Künstlers, fantastische Symphonie in fünf Teilen (Épisode de la vie d’un artiste, symphonie fantastique en cinq parties)

Träumereien, Leidenschaften (Rêveries, Passions)
Largo – Allegro agitato e appassionato assai

Ein Ball (Un Bal)
Allegro non troppo

Szene auf dem Lande (Scène aux champs)
Adagio

Der Gang zum Richtplatz (Marche au supplice)
Allegretto non troppo

Hexensabbat (Songe d’une nuit du Sabbat)
Larghetto  – Allegro

 

Im heutigen Meisterkonzert werden Werke von zwei Komponisten zusammengeführt, die unter anderem aufgrund ihrer außergewöhnlichen Klanggestaltung faszinieren. Im Jahr 1830 gelang Hector Berlioz (1803-1869) in einer emotionalen Ausnahmesituation ein Geniestreich. Mit seiner Symphonie Fantastique begründete er die Gattung der Programmmusik im 19. Jahrhundert. Er stellte Text und Musik gleichberechtigt zueinander in Beziehung und verlieh seinem „Drame instrumental“ opernhafte Züge. Darüber hinaus illustriert dieses Werk die hohe Kunst der Orchestrierung. Hector Berlioz beherrschte sie wie kaum ein anderer. Sein Wissen gab er 1844 in einem viel beachteten Buch weiter. Die längst zum Standardwerk gewordene Publikation begeistert und inspiriert seither die Komponist:innen.

Sicher hat Thomas Adès (*1971) das berühmte Lehrbuch zur Instrumentationstechnik studiert, denn auch er ist ein Meister im Umgang mit Klangfarben. Zu erleben ist dies in seinen 2006 entstandenen „Drei Couperin-Studien“. Darin erklingen die musikalischen Gestalten kunstvoll abschattiert und bieten außergewöhnlich spannende Klangerlebnisse.

Thomas Adès: Drei Couperin-Studien, 2006

Thomas Adès ist einer der profiliertesten Komponisten weltweit. Der aus England stammende Künstler hat eine steile Karriere hinter sich, bereits seine ersten Werke fanden viel Zustimmung und brachten ihm die Anerkennung so berühmter Dirigenten wie Simon Rattle oder Kent Nagano ein. Als 27-Jähriger wurde er auf einen Lehrstuhl für Komposition an die Royal Academy of Music in London berufen und mit 35 Jahren erhielt er die Ehrendoktorwürde der University of Essex.

Als Komponist orientiert sich Thomas Adès stets an der Tradition der europäischen Musik vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Aus einem großen Fundus schöpft er die Ideen für seine individuelle Musiksprache, die jedoch nicht neoromantisch geprägt ist.

Für die barocke Musik des François Couperin (1668-1733) hat Thomas Adès eine besondere Vorliebe. Der in Paris wirkende Komponist und Cembalist hinterließ eine große Sammlung von Werken, die die barocke Klangwelt humorvoll und leidenschaftlich sowie mit klangschwelgerisch verspielten Verzierungen zum Klingen bringen. Hinsichtlich seines Kompositionsstils blickte Couperin weit über den Tellerrand hinaus und verband italienische Stilideale mit der französischen Satztechnik. So bietet seine musikalische Sprache einen guten Nährboden für die kompositorischen und die instrumentationstechnischen Qualitäten von Thomas Adès.

Drei Stücke aus Couperins vierbändigen Sammlung „Pièces de clavecin“ fügte Thomas Adès zu einem Triptychon zusammen. Dabei führte er die Streicher, aufgeteilt in zwei Streichorchester, mit Holz- und Blechbläsern sowie Schlagzeug zusammen.

Thomas Adès nennt seine Komposition „Drei Couperin-Studien“. Doch sie sind weit mehr als nur „Studien“. Neben der Ausdeutung der vielsagenden Werktitel „Les Amusements“ (Vergnügungen), „Les Tours de-Passe-passe“ (Zaubertricks) und „L’Âme en-Peine“ (Die reine Seele) leben die drei ursprünglich für Cembalo verfassten Stücke vor allem von der kunstvollen Instrumentierung und dem changierenden Spiel mit den Klangfarben.

Adès erweitert das Klangspektrum in ungewöhnliche Lagen, wie Alt-und Bassflöte, Bassmarimba und fünf Roto-Toms. Das sind Rahmentrommeln, die von einem Spannring umfasst werden. Durch Drehen der Einheit ändert sich die Fellspannung und damit die Tonhöhe. Erweiterte Klangmöglichkeiten erreicht der Komponist zudem durch die Aufteilung der Streicherstimmen in zwei getrennt agierende Streichorchester.

Der erste Teil der „Drei Couperin-Studien“ wird durchgehend mit gedämpften Streichern und Blechbläsern gespielt und entfaltet vielfältig abschattierte Klänge. Kunstvoll verschachtelt erklingen im zweiten Abschnitt kleine Tonfloskeln in pointilistisch hingetupften, schillernden Klangfarben. Seufzermotive bestimmen den dritten Abschnitt, der den Charakter des Cembalos in den Orchesterklang transferiert und ausdeutet.

Hector Berlioz: Fantastische Symphonie, op. 14, H 48
Épisode de la vie d’un artiste, symphonie fantastique en cinq parties 
(Episode aus dem Leben eines Künstlers, fantastische Symphonie in fünf Teilen)

Hector Berlioz war im Jahr 1830 sechsundzwanzig Jahr alt, hatte das Medizinstudium abgebrochen, sich mit den Eltern verkracht und war unglücklich verliebt. Doch er wusste genau, was er wollte: Mit ganzer Kraft versuchte er, seine Angebetete auf sich aufmerksam zu machen. Dies sollte unter anderem mit einem groß angelegten Orchesterwerk geschehen. Dass er mit seiner Symphonie Fantastique die Kompositionsgeschichte maßgeblich beeinflussen und bis dahin unerhörte Maßstäbe hinsichtlich der musikalischen und instrumentationstechnischen Ausgestaltung setzen würde, war nicht von vornherein Berliozs Intention und hatte sich im Laufe seiner bisherigen Karriere auch nicht angekündigt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Komponist lediglich ein paar Kantaten und eine Messe geschrieben.

Lange Zeit fand Hector Berlioz in Frankreich wenig Anerkennung. Seinen Lebensunterhalt verdiente der Komponist als Bibliothekar und Musikkritiker. Doch bei Konzertreisen durch Europa wurden die musikalischen Qualitäten des Künstlers erkannt. Besonders Franz Liszt, Richard Strauss und Richard Wagner waren begeistert von der Klangsprache ihres Kollegen aus Frankreich. Sie führten die von Hector Berlioz eingeführten Neuerungen im Genre der Programmmusik weiter, die später zur Tondichtung ausreiften. Hector Berlioz starb im Jahr 1869 in Paris. Neben seinen Kompositionen hinterließ der Künstler mit seinem Buch über die Instrumentationslehre „Traité d’instrumentation et d’orchestration modernes“ (1844) ein bedeutendes musiktheoretisches Werk, das bis heute Beachtung findet.

Im Jahr 1927 gastierte ein englisches Theaterensemble in Paris und präsentierte Dramen von William Shakespeare. Beim Theaterbesuch hatte Hector Berlioz ein tiefgreifendes Erlebnis, wie er sich in seinen Memoiren erinnerte. „Ich wohnte im Odéon der ersten Vorstellungen von Hamlet bei. Ich sah als Ophelia Harriet Smithson, die fünf Jahre später meine Frau wurde.“ Bis zum Happy End der unglaublichen Liebesgeschichte musste Berlioz noch viele Strapazen auf sich nehmen, seiner Geliebten war er sogleich in „infernalischer Leidenschaft“ verfallen. Doch Harriet Smithson nahm den jungen Komponisten gar nicht wahr. Erst zwei Jahre nach der Uraufführung der Symphonie Fantastique, im Jahr 1832, hörte die Umworbene die Musik. Sie war tief berührt und lernte den Komponisten persönlich kennen. Ein Jahr später wurde Hochzeit gefeiert. Die Ehe verlief unglücklich.

Die Symphonie Fantastique stellt in mehrerlei Hinsicht einen Meilenstein der Kompositionsgeschichte dar. Kein Wunder, dass das Werk bei der Uraufführung in Paris 1830 bei den Zuhörenden wie ein Blitz einschlug. Die Reaktionen fielen sehr kontrovers aus, denn vieles war neu in dieser Symphonie. Zum ersten Mal hat Hector Berlioz die symphonische Orchestermusik sehr eng mit der Literatur verbunden. Biografische Erlebnisse und Empfindungen sind explizit in die Musik mit eingeflossen. Als verbindendes musikalisches Glied etablierte Berlioz die sogenannte Idée fixe. Ganz bewusst verwendete er zur Bezeichnung des musikalischen Leitmotivs einen Begriff aus der Psychiatrie.

Harfe, Englischhorn, Glocken sowie Instrumente in Tonlagen am Rande der Skala, vom schrillen Einsatz des Piccolos und der Es-Klarinette bis zu Pedaltönen in den Posaunen, boten ein maximal ausgereiztes Klangspektrum. Die Verbindung mit dem traditionellen „Dies irae“ Motiv aus der katholischen Totenmesse und die Öffnung der Symphonie in Richtung eines opernhaft konzipierten „instrumentalen Dramas“ in fünf Akten waren weitere Neuerungen, die in einem Guss miteinander verbunden wurden. Hector Berlioz verfasste für seine Symphonie Fantastique ein Programm in der Art eines Librettos, das er für das Verständnis seiner Musik als unabdingbar bezeichnete.

Als durchgängiges Motiv entwickelte Hector Berlioz ein markantes Thema, das in unterschiedlichen Färbungen und Charakteren in allen Sätzen erklingt und Zusammenhang stiftende Funktionen übernimmt. Berlioz selbst nannte das Thema Idée fixe und stellte es in Beziehung zum Protagonisten des musikalischen Geschehens, zum einsamen und unglücklichen Helden. Im Eröffnungssatz werden unterschiedliche Situationen des Verliebtseins geschildert. Im zweiten Satz sieht der Verliebte seine Verehrte, die durch das Thema der Idée fixe verkörpert wird. In der „Szene auf dem Lande“ verschieben sich die Emotionen allmählich, Zweifel erfassen den Protagonisten. Sodann schildert Berlioz den Traum des Verliebten, der im Delirium meint, er habe seine Geliebte ermordet und werde zum Richtplatz geführt. Als Hexe erscheint ihm die Geliebte im „Traum einer Sabbatnacht“. All diese Stimmungswechsel gestaltete der Komponist mit vielfältig variierten musikalischen Gestalten der Idée fixe aus. Am Schluss wird das Thema sogar mit dem „Dies Irae“ Thema aus der katholischen Totenmesse verbunden und driftet ins Absurde ab.

Hector Berlioz bezeichnete seine Symphonie Fantastique als „Drame instrumental“ und rückte sie damit in die Nähe der Oper. So gestaltete er zahlreiche Abschnitte in Form von Szenen aus, die auf die Operndramaturgie verweisen. Die explizite Einbeziehung biografischer Bezüge war in dieser Ausdrucksdichte bisher nicht vorgekommen. Überdies spiegelte der Komponist in seiner Symphonie Fantastique die bedeutenden Wesenszüge der Romanik wider: Rausch und Traum, Fantasie und die Überführung ins Bizarre, ein Naheverhältnis zum Absurden, jähe Stimmungswechsel, Ironie sowie die Verzerrung bis hin zur Deformation als Mittel des künstlerischen Ausdrucks und auch als Darstellung der Einsamkeit und Entfremdung.

Silvia Thurner

 

18. November 2022

Orchestre des Champs-Élysées
Philippe Herreweghe, Leitung
Isabel Faust, Violine

Johannes Brahms: „Tragische Ouvertüre“, d-Moll, op. 81
Allegro ma non troppo – Molto più moderato – Allegro ma non troppo

Antonín Dvořák: Konzert für Violine und Orchester, a-Moll, op. 53, B 96/108
Allegro ma non troppo
Adagio ma non troppo
Finale: Allegro giocoso, ma non troppo

Johannes Brahms (1833-1897) war lediglich acht Jahre älter als Antonín Dvořák (1841-1904). Dennoch kann der aus Deutschland stammende und in Wien bestens etablierte Künstler als Mentor des tschechischen Komponisten bezeichnet werden. Brahms hat die herausragenden Qualitäten der Musik von Antonin Dvořák, der bis dahin in der Öffentlichkeit wenig bekannt war, sofort erkannt. Insbesondere die „urwüchsigen“ musikalischen Ideen, die sein Kollege aus der osteuropäischen Volksmusik in die kompositorische Sprache überführte, erregten Aufmerksamkeit. So machte Brahms den renommierten Verleger Friedrich Simrock auf Antonín Dvořáks Musik aufmerksam.

Eng war Johannes Brahms auch mit dem Geigenvirtuosen Joseph Joachim befreundet. In seinem eigenen Violinkonzert hatte er bereits auf dessen Expertise vertraut. Dies tat ihm Antonín Dvořák gleich, auch er suchte den Rat des international gefeierten Geigenvirtuosen, allerdings mit einem eher unerfreulichen Ausgang.

Obwohl Brahms‘ „Tragische Ouvertüre“ und Dvořáks Violinkonzert im kompositorischen Ausdruck keine Beziehungen zueinander aufweisen, tragen sie doch ein gemeinsames Charakteristikum. Die eigentlichen Herzstücke und Höhepunkte der beiden Kompositionen sind deren Mittelteile.

Johannes Brahms, „Tragische Ouvertüre“, d-Moll, op. 81

Nikolaus Harnoncourt charakterisierte die Musik von Johannes Brahms treffend, als er betonte, die Ambivalenz zwischen fantasievoller Themenfindung und akademischem Suchen und das Spiel mit dramatischen Eruptionen und versöhnlicher Beschwichtigung seien Sinnbilder des kompositorischen Schaffens. Dieser Vergleich lässt sich in der „Tragischen Ouvertüre“ von Johannes Brahms gut nachvollziehen. Das Werk ist in direktem Anschluss an die „Akademische Ouvertüre“ entstanden, die Brahms als Dank für die 1880 verliehene Ehrendoktorwürde der Universität Breslau komponiert hatte. „Die eine weint, die andere lacht“ beschrieb der Komponist in Anspielung auf das Doppelgesicht der Antike, in der die Tragödie und die Komödie als weinende und lachende Masken dargestellt wurden, die beiden Ouvertüren.

Johannes Brahms wurde in Hamburg im Jahr 1833 als Sohn eines Stadtmusikanten geboren. Schon als Kind spielte er in Gaststätten und trug zum Unterhalt der Familie bei. Zu Beginn der 1850-er Jahre nahm er ein Engagement als Klavierbegleiter an und zog durch Europa zog. Für das weitere Künstlerleben richtungweisend wurde die Begegnung mit Robert Schumann im September 1853 in Düsseldorf.

Weil Brahms sowohl 1864 als auch 1869 bei der Bestellung einer neuen Leitung der Singakademie und des Philharmonischen Orchesters in Hamburg nicht berücksichtigt wurde, übersiedelte er nach Wien. Dort konnte er sich rasch etablieren und ihm wurde viel Anerkennung zuteil. Brahms komponierte die „Tragische Ouvertüre“ im Sommer 1880 in Bad Ischl, die Uraufführung fand am 26. Dezember mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter im Wiener Musikverein statt.

Oft wird die „Tragische Ouvertüre“ mit Beethovens „Coriolan Ouvertüre“ verglichen, weil die Werkanfänge einander in gewisser Weise ähnlich sind. Wirkungsvoll wird die „Tragische Ouvertüre“ mit zwei Orchesterschlägen eröffnet. Daran anschließend erklingen die beiden Hauptthemen, das eine getragen von tiefen Streichern, das andere heller und vom Klang der Holzbläser bestimmt. Der Musikwissenschaftlicher Armin Raab sieht im unbestimmten harmonischen Gefüge und im changierenden Charakter der Eingangspassage ein resignatives Zögern, das den Unterschied zwischen dem „Heroischen“ und dem „Tragischen“ sehr treffend in Musik fasse. Den Mittelteil kündigen naturhafte Klangbilder an. Die Durchführung der Themen ist in einem anderen Zeitmaß notiert, so dass eine dreiteilige Form entsteht. Schöne Klangfarbenspiele in kammermusikalischen Konstellationen prägen diesen langsamen Abschnitt. Aus dem Hauptthema modellierte Brahms ein punktiertes Thema, das an einen Trauermarsch erinnert und das Finale mitbestimmt. Nicht heroisch strahlend endet die „Tragische Ouvertüre“, sondern eher mit resignativer Zurückhaltung.

Antonín Dvořák: Konzert für Violine und Orchester, a-Moll op. 53

Über Vermittlung von Johannes Brahms erschienen beim renommierten Musikverlag Simrock die „Slawischen Tänze“ des bis dahin weitgehend unbekannten, tschechischen Komponisten Antonin Dvořák. Erfreulicherweise entpuppten sie sich als europaweiter Verkaufsschlager und brachten dem Verleger gute Einnahmen ein. Als Fritz Simrock im Jänner 1879 die Anfrage an den Komponisten richtete, ob er für ihn ein Violinkonzert schreiben wolle „recht originell, kantilenenreich und für gute Geiger sollte es bestimmt sein“, nahm er den Auftrag mit Freude an, machte sich sogleich an die Arbeit und bereits Ende des Sommers war das Konzert fertig komponiert.

Auf Anraten von Johannes Brahms holte Dvořák die Expertise des damals international vielbeachteten Geigers Joseph Joachim ein. Der Musiker hatte schon Brahms und Bruch beraten und deren Violinkonzerte uraufgeführt. Joseph Joachim war auch der Widmungsträger des Dvořák-Violinkonzertes und er sollte es zur Uraufführung bringen.

Der erste Entwurf des Violinkonzertes, den der 38-Jährige vorlegte, gefiel dem Geigenvirtuosen nicht. Sogleich schrieb Dvořák ein neues Werk. Doch auch von diesem zeigte sich Joseph Joachim nicht begeistert, wie er – nach zweijähriger Begutachtung – in einem Brief an den Komponisten bekundete.

Schließlich spielte nicht der viel gerühmte Geigenvirtuose die Uraufführung, sondern der tschechische Geiger Frantisek Ondricek mit dem Orchester des Prager Nationaltheaters unter der Leitung von Moric Anger. Das Werk fand große Zustimmung und Ondricek war es auch, der Dvořáks Violinkonzert in Wien und London bekannt machte.

Vor allem die Einbettung des Soloinstruments in den Orchesterpart und die tschechischen Volksweisen sind individuelle Wesensmerkmale des Violinkonzerts. Mit einem markanten Motiv im Orchester wird das Werk eröffnet. Diesen Gedanken greift die Solovioline auf und führt ihn in das melodische Hauptthema über. Der Violinpart bringt immer wieder ruhigere Ausdrucksweisen ein, setzt aber auch mit virtuos ausgestalteten Akkorden Akzente. Der für Dvořák so typische „slawischen Tonfall“ erklingt erstmals am Schluss des Eröffnungssatzes. Ohne Pause führt die Violine in den Mittelsatz über. Das gesangsvolle und naturhaft wirkende Adagio in F-Dur stellt das Herzstück des Violinkonzertes dar.

Mit einem kauzigen Motiv in hoher Lage leitet die Solovioline den Finalsatz ein. In einem humorvollen „Call und Response“ wird das Thema vom Orchester aufgenommen und weiter gereicht. Dominiert wird der virtuos ausgestaltete melodische Fluss von einem tschechischen Furiant, einem schnellen böhmischen Volkstanz. Zwischendurch erklingt auch eine Dumka im Stil einer slawischen Volksballade. So spielen elegische und fröhliche Abschnitte ganz im Sinne der Satzbezeichnung „Allegro giocoso“ die musikalischen Hauptrollen.

Silvia Thurner

20. Januar 2023

Wiener Symphoniker
Leitung wird nachgenannt

Johannes Brahms wuchs in einfachsten Verhältnissen auf. Sein Vater Johann Jakob Brahms spielte Flügelhorn und Kontrabass im Vergnügungsviertel Sankt Pauli von Hamburg, und Johannes trug schon als Knabe als Pianist in denselben Etablissements zum Familieneinkommen bei. Dann aber nahm in der Musikpädagoge Eduard Marxsen unter seine Fittiche, und als Klavierbegleiter des Violinvirtuosen Eduard Remèny kam Johannes Brahms rasch in die ersten Kreise der damaligen Musikwelt. Prägend wurde dabei eine Begegnung mit dem hochberühmten Musikerehepaar Robert und Clara Schumann. Robert schrieb in der von ihm gegründeten „Neuen Zeitschrift für Musik“ einen hymnischen Artikel über den damals zwanzigjährigen Pianisten und Komponisten Brahms, der diesem zwar zu rascher Bekanntheit verhalf, ihn, den Selbstkritischen, aber auch unter gehörigen Erfolgsdruck setzte. Zwischen Clara Schumann und Brahms entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die zu Zeiten auch leidenschaftliche Züge hatte. Johannes Brahms hoffte, in seiner Heimatstadt Hamburg mit einem führenden Posten im Konzertbetrieb betraut zu werden, wurde aber mehrmals übergangen. Enttäuscht wandte er sich nach Wien, wo er kurzzeitig den Wiener Singverein leitete und in der Gesellschaft der Musikfreunde tätig war. Diese Ämter legte er aber bald wieder zurück, denn der damit verbundene Verwaltungsaufwand behagte ihm nicht, und außerdem konnte er inzwischen gut von den Einkünften aus seinen Kompositionen leben. Mehr noch, er unterstützte bedürftige Menschen seiner Umgebung großzügig, etwa die verwitwete Clara Schumann und ihre acht Kinder, weiters seine Stiefmutter, denn der Vater hatte nach dem Tod von Brahms‘ Mutter erneut geheiratet. Die komfortable finanzielle Situation ermöglichte Brahms auch Sommeraufenthalte in der Schweiz, in Bayern, in Kärnten, wo er seine Zweite Symphonie schrieb, in Mürzzuschlag, wo die Vierte Symphonie entstand, oder in Bad Ischl, wo er Kontakt mit dem von ihm geschätzten Johann Strauß Sohn pflegte. Auch zwei Italieneisen sind bezeugt.

Johannes Brahms hat ein umfangreiches Werk hinterlassen: Vier Symphonien, Konzerte, Kammermusik verschiedener Art, Lieder, das wunderbare und viel aufgeführte Oratorium Ein deutsches Requiem oder Klaviermusik. Jedoch hat er nie eine Oper geschrieben.

Der selbstkritische Brahms brauchte lange, um sich mit einer Symphonie an die Öffentlichkeit zu wagen. Nach eigenen Worten fühlte immer „einen Riesen-Beethoven hinter sich her marschieren“. Endlich, mit 43 Jahren und schon etabliert als Komponist, wagte er es, mit der Ersten an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit ihr verlässt er nicht das klassische Formschema, bricht es aber von innen her auf. So sind die beiden Mittelsätze nicht wie bisher gegensätzlich, sondern einander sehr ähnlich, und der Schwerpunkt liegt auf dem Finalsatz, dessen Hornthema berühmt geworden ist. Bemerkenswert ist auch die von Arnold Schönberg in seinem Aufsatz Brahms the progressive beschriebene „entwickelte Variation“. Diese bedeutet, dass musikalische Prozesse aus einer oft kleinen Motivzelle fort und fort entwickelt werden. Gleich nach der Drucklegung der Ersten schrieb Brahms seine Zweite Symphonie, er war sich nun sicher geworden. Man hört ihr den Ort der Entstehung an: sie lässt uns die Farben und das Licht des Wörthersees förmlich sehen. Wenngleich sie lieblicher ist als die Erste und in den Mittelsätzen zum klassischen Schema zurückkehrt, so ist doch in ihrer Feinstruktur das Prinzip der „entwickelten Variation“ noch optimiert. Die Uraufführung der Zweiten im Musikvereinssaal in Wien zur Jahreswende 1877/78 war einer der größten Triumphe, die Brahms erlebt hat.

12. April 2023

Le Concert des Nations
Jordi Savall, Leitung

Jordi Savall, Die Elemente und die Furien

Die vier Elemente Luft und Wasser, Feuer und Erde und dazu das wilde Treiben der rachsüchtigen Furien stellt Jordi Savall, der Altmeister der Barockmusik, in den Mittelpunkt seines Programms. Le Concert des Nations ist auf historischen Instrumenten überall zuhause und führt uns von der Themse über eine Station in Wien an den französischen Königshof: Der Phantasie des Hörers und der Hörerin sind in der wunderbar feinsinnigen und farbenreichen Musik des 18. Jahrhunderts keine Grenzen gesetzt, wenn Matrosen und Wassergötter, Winde und ein steinerner Gast sich ein Stelldichein auf der Bühne des Festspielhauses geben. Das Element Erde lässt sich in Tönen wohl am schwierigsten darstellen, doch indem sich das Programm aus einer Vielzahl an Tänzen zusammensetzt, bilden Tanz- und Bühnenboden buchstäblich die erdende Basis.

Mit Georg Friedrich Händel begeben wir uns aufs Wasser, genauer auf die Themse, flussaufwärts vom Palast in Whitehall bis Chelsea: Drei Stunden soll die Fahrt gedauert haben, genug Zeit, um den aus Deutschland kommenden König Georg I. und seine Begleitung mit allerlei festlicher Orchestermusik, einem schönen Oboensolo und Tänzen aus Frankreich und England zu unterhalten. Der König war so angetan von dieser „Wassermusik“, dass er sie gleich nochmals und auch auf der Rückfahrt hören wollte. Händel stellte drei Suiten zusammen, die erste mit Hörnern, Oboen und Streichern leitet diesen Konzertabend ein.

Das Element Feuer stellen Jordi Savall und sein Orchester mit der Ballettpantomime „Don Juan. Convitato di pietra“ aus dem Jahr 1761 in den Mittelpunkt: Es ist das Feuer, das im Herzen des stets nach neuen Eroberungen und Liebesabenteuern suchenden Don Juan brennt, und das Feuer, das die Furien am Ende mit ihren Fackeln entzünden, um den gewissenlosen Verführer in die Hölle zu stoßen. Christoph Willibald Gluck bringt uns diesen spanischen Helden und seinen „steinernen Gast“ nahe, ein Jahr später ließ er die Furien in seiner berühmten Oper „Orfeo ed Euridice“ wirbeln.

In die Welt der großen französischen Barockoper führt Jordi Savall schließlich mit zwei Suiten von Marin Marais (aus „Alcione“) und Jean-Philippe Rameau (aus „Les Boréades“). Am französischen Königshof wurde ein „Gesamtkunstwerk“ für Orchester, Chor, Solisten und Ensembles geschaffen, reich an Bühneneffekten, großartiger Ausstattung und Tanzdivertissements. Die komplizierten Operntexte bedienten sich aus Stoffen der Mythologie mit ihrer Vielzahl von amourösen Verstrickungen bei Göttern und Menschen. In der Abfolge von Arien, Rezitativen, Chören oder Zwischenspielen entstand ein besonderer französischer Opernstil, auch der Gesangsstil ist mit seinen typischen Verzierungen individuell. Wichtig für die von Jordi Savall getroffene Auswahl sind die so packenden Darstellungen der Winde und Stürme (in der Natur ebenso wie in der Seele) und die Tänze von Matrosen, Meeresgottheiten oder Windgöttern. Marin Marais wurde als Gambenvirtuose unsterblich (und in dem schönen Film „Tous les matins du monde“ – „Die siebente Saite“ auch einem anderen Publikum bekannt gemacht). Jean-Philippe Rameau wirkte als Cembalist, Organist, Komponist und Musiktheoretiker und sein facettenreiches Gesamtwerk wird heute nicht nur durch Jordi Savall, sondern auch durch viele Musizierende wiederbelebt, die sich von Rameaus Farbenreichtum begeistern lassen.

Katharina von Glasenapp

24. April 2023

Chamber Orchestra of Europe
Robin Ticciati, Leitung
Lisa Batiashvili, Violine

Obwohl das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven und Heutigen als eines der Großartigsten seiner Gattung gilt, hatte es bei seiner Uraufführung im Dezember 1806 im Theater an der Wien nur mäßigen Erfolg.  „Ermüdend“ oder „überladen“ waren die Urteile der Rezensenten damals – offenbar hätte man lieber ein Konzert gehört, das die Virtuosität des Solisten hervorhob. In diesem seinem einzigen Violinkonzert verwebt Beethoven jedoch die Solostimme eng mit dem Orchesterpart, und die ersten beiden Sätze haben einen eher ruhigen Charakter. Beethoven hat das Konzert auf Bitten des jungen Geigers Franz Clement geschrieben, der er sehr schätzte. „Concerto par Clemenza pour Clement“ – „Konzert aus Mildtätigkeit für Clement“ schrieb denn auch Beethoven in seinem sarkastischen Humor auf den Titel des Manuskripts.

Es blieb den damals erst dreizehnjährigen Geiger Joseph Joachim vorbehalten, im Jahr 1844 Beethovens Violinkonzert unter dem Dirigat von Felix Mendelssohn-Bartholdy zum Erfolg zu führen. Joseph Joachim, übrigens ein lebenslanger Freund von Johannes Brahms, spielte das Werk in der Folge in mehreren europäischen Musikzentren.

Beethoven soll ja stets an einer literarischen Vorlage entlangkomponiert haben. Es ist nicht bekannt, welche dies beim Violinkonzert war. Vielleicht wissen die Künstler*innen des heutigen Abends es, oder sie spüren es, dass es etwas mit der Liebe zu tun hat. Jedenfalls stehen alle weiteren Werke des Programmes unter dem Zeichen der schönsten und kompliziertes Sache der Welt, die die Liebe ja ist.

Goethes Trauerspiel „Egmont“ erzählt von einer sehr tragischen Liebe. Der Titelheld kämpft für die Freiheit der Niederlande von der spanischen Herrschaft im 16. Jahrhundert und wird gefangengenommen. Seine Geliebte Klärchen versucht vergeblich, das Volk zu seiner Rettung aufzustacheln. Als sie erkennt, dass ihre Mühen umsonst sind, nimmt sie sich das Leben. Egmont erlebt im Gefängnis eine Vision, wird aber hingerichtet. Im Auftrag des Burgtheaters hat Beethoven die umfangreiche Schauspielmusik zu „Egmont“ geschrieben, die insgesamt zehn Nummern umfasst.

Man könnte „Egmont“ als Schwesterwerk zu Beethovens „Fidelio“ sehen, aufgrund der Entstehungszeit der Komposition wie auch der Thematik. Auch der Münchner Jörg Widmann erschafft seine Werke gerne paarweise. Er sagt über sein „Liebeslied“: „Nun…. arbeitete ich in ähnlicher Weise an einem neuen Stückpaar: über die Liebe. Ein Dichterwort, hier ein Gedichtfragment Schillers, liegt diesmal dem Orchesterstück zugrunde: Teufel Amor. Das kammermusikalische Pendant dazu ist nun dieses Liebeslied. Es ist rein instrumental und ohne verbalen Bezug. In gedrängter Form behandelt es den schon in Teufel Amor thematisierten janusköpfigen Charakter der Liebe als Paradies und Schlangengrube.“ Jörg Widmanns Musik wird international vielfach aufgeführt. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist seine Oper „Babylon“, zu der Peter Sloterdijk das Libretto verfasst hat. Als Klarinettist und Dirigent konnte sich Jörg Widmann zudem einen Namen machen.

Auch beim dritten Komponisten dieses Abends, Hector Berlioz, finden wir ein großes Interesse an der Literatur vor. Den jungen Komponisten traf ein Gastspiel einer englischen Theatertruppe, die Stücke von Shakespeare zeigte, „wie ein gewaltiger Blitzschlag“. Ins besondere die Schauspielerin Harriet Smithson beeindruckte ihn. Ihre Darstellung der Ophelia in „Hamlet“ inspirierte ihn zu seiner „Symphonie fantastique“, ihre Julia gab den Impuls zu einem der bedeutendsten Werke des Franzosen, der Chorsymphonie „Romeo et Juliette“. Wir hören daraus die zentrale „Scène d’amour“, die Liebesszene. Bei der Uraufführung 1839 war Richard Wagner zugegen, der bekannte, durch Berlioz‘ Musik entscheidende Impulse für sein Musikdrama „Tristan und Isolde“ erhalten zu haben. Später wurden Harriet Smithson und Berlioz sogar ein Ehepaar.

27. Mai 2023

Hélène Grimaud

Werke von:

Johannes Brahms
Robert Schumann und
Ludwig van Beethoven

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