Aurora Orchester
29. September 2022

Aurora Orchester

Thomas Adès: Drei Couperin-Studien, 2006

I      Les Amusements
II     Les Tours de passe-passe
III    L’Âme-en-peine

Hector Berlioz: Symphonie Fantastique, op. 14, H 48
Episode aus dem Leben eines Künstlers, fantastische Symphonie in fünf Teilen (Épisode de la vie d’un artiste, symphonie fantastique en cinq parties)

Träumereien, Leidenschaften (Rêveries, Passions)
Largo – Allegro agitato e appassionato assai

Ein Ball (Un Bal)
Allegro non troppo

Szene auf dem Lande (Scène aux champs)
Adagio

Der Gang zum Richtplatz (Marche au supplice)
Allegretto non troppo

Hexensabbat (Songe d’une nuit du Sabbat)
Larghetto  – Allegro

 

Im heutigen Meisterkonzert werden Werke von zwei Komponisten zusammengeführt, die unter anderem aufgrund ihrer außergewöhnlichen Klanggestaltung faszinieren. Im Jahr 1830 gelang Hector Berlioz (1803-1869) in einer emotionalen Ausnahmesituation ein Geniestreich. Mit seiner Symphonie Fantastique begründete er die Gattung der Programmmusik im 19. Jahrhundert. Er stellte Text und Musik gleichberechtigt zueinander in Beziehung und verlieh seinem „Drame instrumental“ opernhafte Züge. Darüber hinaus illustriert dieses Werk die hohe Kunst der Orchestrierung. Hector Berlioz beherrschte sie wie kaum ein anderer. Sein Wissen gab er 1844 in einem viel beachteten Buch weiter. Die längst zum Standardwerk gewordene Publikation begeistert und inspiriert seither die Komponist:innen.

Sicher hat Thomas Adès (*1971) das berühmte Lehrbuch zur Instrumentationstechnik studiert, denn auch er ist ein Meister im Umgang mit Klangfarben. Zu erleben ist dies in seinen 2006 entstandenen „Drei Couperin-Studien“. Darin erklingen die musikalischen Gestalten kunstvoll abschattiert und bieten außergewöhnlich spannende Klangerlebnisse.

Thomas Adès: Drei Couperin-Studien, 2006

Thomas Adès ist einer der profiliertesten Komponisten weltweit. Der aus England stammende Künstler hat eine steile Karriere hinter sich, bereits seine ersten Werke fanden viel Zustimmung und brachten ihm die Anerkennung so berühmter Dirigenten wie Simon Rattle oder Kent Nagano ein. Als 27-Jähriger wurde er auf einen Lehrstuhl für Komposition an die Royal Academy of Music in London berufen und mit 35 Jahren erhielt er die Ehrendoktorwürde der University of Essex.

Als Komponist orientiert sich Thomas Adès stets an der Tradition der europäischen Musik vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Aus einem großen Fundus schöpft er die Ideen für seine individuelle Musiksprache, die jedoch nicht neoromantisch geprägt ist.

Für die barocke Musik des François Couperin (1668-1733) hat Thomas Adès eine besondere Vorliebe. Der in Paris wirkende Komponist und Cembalist hinterließ eine große Sammlung von Werken, die die barocke Klangwelt humorvoll und leidenschaftlich sowie mit klangschwelgerisch verspielten Verzierungen zum Klingen bringen. Hinsichtlich seines Kompositionsstils blickte Couperin weit über den Tellerrand hinaus und verband italienische Stilideale mit der französischen Satztechnik. So bietet seine musikalische Sprache einen guten Nährboden für die kompositorischen und die instrumentationstechnischen Qualitäten von Thomas Adès.

Drei Stücke aus Couperins vierbändigen Sammlung „Pièces de clavecin“ fügte Thomas Adès zu einem Triptychon zusammen. Dabei führte er die Streicher, aufgeteilt in zwei Streichorchester, mit Holz- und Blechbläsern sowie Schlagzeug zusammen.

Thomas Adès nennt seine Komposition „Drei Couperin-Studien“. Doch sie sind weit mehr als nur „Studien“. Neben der Ausdeutung der vielsagenden Werktitel „Les Amusements“ (Vergnügungen), „Les Tours de-Passe-passe“ (Zaubertricks) und „L’Âme en-Peine“ (Die reine Seele) leben die drei ursprünglich für Cembalo verfassten Stücke vor allem von der kunstvollen Instrumentierung und dem changierenden Spiel mit den Klangfarben.

Adès erweitert das Klangspektrum in ungewöhnliche Lagen, wie Alt-und Bassflöte, Bassmarimba und fünf Roto-Toms. Das sind Rahmentrommeln, die von einem Spannring umfasst werden. Durch Drehen der Einheit ändert sich die Fellspannung und damit die Tonhöhe. Erweiterte Klangmöglichkeiten erreicht der Komponist zudem durch die Aufteilung der Streicherstimmen in zwei getrennt agierende Streichorchester.

Der erste Teil der „Drei Couperin-Studien“ wird durchgehend mit gedämpften Streichern und Blechbläsern gespielt und entfaltet vielfältig abschattierte Klänge. Kunstvoll verschachtelt erklingen im zweiten Abschnitt kleine Tonfloskeln in pointilistisch hingetupften, schillernden Klangfarben. Seufzermotive bestimmen den dritten Abschnitt, der den Charakter des Cembalos in den Orchesterklang transferiert und ausdeutet.

Hector Berlioz: Fantastische Symphonie, op. 14, H 48
Épisode de la vie d’un artiste, symphonie fantastique en cinq parties 
(Episode aus dem Leben eines Künstlers, fantastische Symphonie in fünf Teilen)

Hector Berlioz war im Jahr 1830 sechsundzwanzig Jahr alt, hatte das Medizinstudium abgebrochen, sich mit den Eltern verkracht und war unglücklich verliebt. Doch er wusste genau, was er wollte: Mit ganzer Kraft versuchte er, seine Angebetete auf sich aufmerksam zu machen. Dies sollte unter anderem mit einem groß angelegten Orchesterwerk geschehen. Dass er mit seiner Symphonie Fantastique die Kompositionsgeschichte maßgeblich beeinflussen und bis dahin unerhörte Maßstäbe hinsichtlich der musikalischen und instrumentationstechnischen Ausgestaltung setzen würde, war nicht von vornherein Berliozs Intention und hatte sich im Laufe seiner bisherigen Karriere auch nicht angekündigt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Komponist lediglich ein paar Kantaten und eine Messe geschrieben.

Lange Zeit fand Hector Berlioz in Frankreich wenig Anerkennung. Seinen Lebensunterhalt verdiente der Komponist als Bibliothekar und Musikkritiker. Doch bei Konzertreisen durch Europa wurden die musikalischen Qualitäten des Künstlers erkannt. Besonders Franz Liszt, Richard Strauss und Richard Wagner waren begeistert von der Klangsprache ihres Kollegen aus Frankreich. Sie führten die von Hector Berlioz eingeführten Neuerungen im Genre der Programmmusik weiter, die später zur Tondichtung ausreiften. Hector Berlioz starb im Jahr 1869 in Paris. Neben seinen Kompositionen hinterließ der Künstler mit seinem Buch über die Instrumentationslehre „Traité d’instrumentation et d’orchestration modernes“ (1844) ein bedeutendes musiktheoretisches Werk, das bis heute Beachtung findet.

Im Jahr 1927 gastierte ein englisches Theaterensemble in Paris und präsentierte Dramen von William Shakespeare. Beim Theaterbesuch hatte Hector Berlioz ein tiefgreifendes Erlebnis, wie er sich in seinen Memoiren erinnerte. „Ich wohnte im Odéon der ersten Vorstellungen von Hamlet bei. Ich sah als Ophelia Harriet Smithson, die fünf Jahre später meine Frau wurde.“ Bis zum Happy End der unglaublichen Liebesgeschichte musste Berlioz noch viele Strapazen auf sich nehmen, seiner Geliebten war er sogleich in „infernalischer Leidenschaft“ verfallen. Doch Harriet Smithson nahm den jungen Komponisten gar nicht wahr. Erst zwei Jahre nach der Uraufführung der Symphonie Fantastique, im Jahr 1832, hörte die Umworbene die Musik. Sie war tief berührt und lernte den Komponisten persönlich kennen. Ein Jahr später wurde Hochzeit gefeiert. Die Ehe verlief unglücklich.

Die Symphonie Fantastique stellt in mehrerlei Hinsicht einen Meilenstein der Kompositionsgeschichte dar. Kein Wunder, dass das Werk bei der Uraufführung in Paris 1830 bei den Zuhörenden wie ein Blitz einschlug. Die Reaktionen fielen sehr kontrovers aus, denn vieles war neu in dieser Symphonie. Zum ersten Mal hat Hector Berlioz die symphonische Orchestermusik sehr eng mit der Literatur verbunden. Biografische Erlebnisse und Empfindungen sind explizit in die Musik mit eingeflossen. Als verbindendes musikalisches Glied etablierte Berlioz die sogenannte Idée fixe. Ganz bewusst verwendete er zur Bezeichnung des musikalischen Leitmotivs einen Begriff aus der Psychiatrie.

Harfe, Englischhorn, Glocken sowie Instrumente in Tonlagen am Rande der Skala, vom schrillen Einsatz des Piccolos und der Es-Klarinette bis zu Pedaltönen in den Posaunen, boten ein maximal ausgereiztes Klangspektrum. Die Verbindung mit dem traditionellen „Dies irae“ Motiv aus der katholischen Totenmesse und die Öffnung der Symphonie in Richtung eines opernhaft konzipierten „instrumentalen Dramas“ in fünf Akten waren weitere Neuerungen, die in einem Guss miteinander verbunden wurden. Hector Berlioz verfasste für seine Symphonie Fantastique ein Programm in der Art eines Librettos, das er für das Verständnis seiner Musik als unabdingbar bezeichnete.

Als durchgängiges Motiv entwickelte Hector Berlioz ein markantes Thema, das in unterschiedlichen Färbungen und Charakteren in allen Sätzen erklingt und Zusammenhang stiftende Funktionen übernimmt. Berlioz selbst nannte das Thema Idée fixe und stellte es in Beziehung zum Protagonisten des musikalischen Geschehens, zum einsamen und unglücklichen Helden. Im Eröffnungssatz werden unterschiedliche Situationen des Verliebtseins geschildert. Im zweiten Satz sieht der Verliebte seine Verehrte, die durch das Thema der Idée fixe verkörpert wird. In der „Szene auf dem Lande“ verschieben sich die Emotionen allmählich, Zweifel erfassen den Protagonisten. Sodann schildert Berlioz den Traum des Verliebten, der im Delirium meint, er habe seine Geliebte ermordet und werde zum Richtplatz geführt. Als Hexe erscheint ihm die Geliebte im „Traum einer Sabbatnacht“. All diese Stimmungswechsel gestaltete der Komponist mit vielfältig variierten musikalischen Gestalten der Idée fixe aus. Am Schluss wird das Thema sogar mit dem „Dies Irae“ Thema aus der katholischen Totenmesse verbunden und driftet ins Absurde ab.

Hector Berlioz bezeichnete seine Symphonie Fantastique als „Drame instrumental“ und rückte sie damit in die Nähe der Oper. So gestaltete er zahlreiche Abschnitte in Form von Szenen aus, die auf die Operndramaturgie verweisen. Die explizite Einbeziehung biografischer Bezüge war in dieser Ausdrucksdichte bisher nicht vorgekommen. Überdies spiegelte der Komponist in seiner Symphonie Fantastique die bedeutenden Wesenszüge der Romanik wider: Rausch und Traum, Fantasie und die Überführung ins Bizarre, ein Naheverhältnis zum Absurden, jähe Stimmungswechsel, Ironie sowie die Verzerrung bis hin zur Deformation als Mittel des künstlerischen Ausdrucks und auch als Darstellung der Einsamkeit und Entfremdung.

Silvia Thurner

 

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